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Die Entwicklung des Schulranzen

Scout führte 1975 die ersten Leichtranzen aus Kunststoff und Nylonbespannung ein. Vorher gab es fast ausschließlich diese schweren derben Lederranzen, mit denen Generationen von Schülern zur Schule gingen und die sich im Design seit etwa 80 Jahren kaum verändert hatten. Unnötig zu erwähnen, das die Dinger sauschwer waren und nach 80 Jahren Entwicklung noch keiner der Produzenten darauf gekommen war, dass die ca. 1,5 cm breiten Gurte nicht so in die Schulter einschneiden würden, wenn man sie etwas breiter macht. Außerdem gab es häufig Probleme mit Schimmelbefall an feucht gewordenem Leder. Hier zwei typische Bilder, wie Schulranzen Mitte der sechziger Jahre aussahen:


In den späten sechziger und frühen siebziger Jahren spendierten die Hersteller einige Farbbeschichtungen, die die Lederkisten zwar bunter, jedoch nicht modischer machten. Immerhin gab es jetzt außer braun und schwarz noch andere Farben, die sich in den peppigen Endsechzigern, als plötzlich Kaffeemaschinen, Telefone und Toaster in Farbtönen wie hellorange, farngrün oder currygelb erschienen, den Modetrends der Zeit anschlossen. Häufig wurden beliebte Lizenzbilder, z.B Biene Maja oder Max und Moritz aufgedruckt. Die Form und Ausstattung hingegen stagnierte total. Färbt man einen solchen Lederranzen von 1970 schwarz und stellt ihn neben einen von 1900, so ist kaum ein Unterschied feststellbar.


In den Klassenzimmern herrschten Ledertaschen vor, bei Regen oder erhöhter Luftfeuchte rochen die Klassenräume durchdringend nach gegerbtem Leder, wie beim Sattler. Hier zwei zeitgenössische Aufnahmen Anfang der siebziger Jahre (beachtenswert ist, dass auch die Federtaschen aus Schweinsleder waren):


Als Mitte der siebziger Jahre allgemein Produkte aus Naturmaterialien durch Kunststoffe verdrängt wurden, deren Vorteile in günstiger Beschaffung, Langlebigkeit, Hygiene und leichter Färb- und Formbarkeit bestanden, erfand die Firma Sternjakob den Leichtschulranzen aus Kunststoff. Hierbei handelte es sich um einen Ranzen aus einem mit polyestergewebe bespannten Innenkern, der zunächst aus stabiler Pappe, später aus Hostalen (ein Handelsname für Polypropylen), bestand.
Der Scout war erfunden und erfreute sich rasch steigender Beliebtheit, denn er sah (für die damalige Zeit) modern und peppig aus, bot aufgrund breiterer, bequemer Gurte und einer weichen Rückenpolsterung wesentlich höheren Tragekomfort, war superleicht und ebenso stabil wie seine Ledervorgänger. Und er war aufgrund leuchtender Farben und reflektierenden Verschlüssen (Katzenaugen) besser im Dunkeln zu erkennen.
Dichtheit gegen Regen wurde zunächst über eine Imprägnierung erzielt, ab den 90er Jahren verzichtete man aufgrund der Chemiebelastung darauf und beschichtete das Polyestergewebe von innen mit einer Schicht PVC. Umweltbewußtsein und Gefahren durch ausgasende oder in Kontakt mit der Haut wirkende Chemikalien in Produkten waren in den 70er und frühen 80er Jahren natürlich noch kein Thema, ab den 90ern wurden dann gezielt Materialien und Färbestoffe eingesetzt, die sich weitgehend neutral verhalten. So ändern sich Zeiten und Prioritäten.
Mangels schickerer Alternativen im damaligen Rucksacksortiment wurde der Scout zunächst als Multitalent nicht nur im Schuleinsatz, sondern auch für die Freizeit beworben, wie man auf dieser alten Werbung von 1975 sehen kann (das erste 1975 eingeführte Modell von Scout kostete damals 49,- DM):

Quelle: Auszug aus einem Werbeprospekt


Der kleine Zuspätkommer auf dem folgendem Bild trägt einen der ersten Scouts, einen Scout Alpine:


Die ersten Modelle waren in einer Auswahl von vier Farben erhältlich, die einem Etikettnamen zugeordnet waren: rot (Alpine), blau (Marine), dunkelgrün (Ranger) und gelb (Airborn). Später kam als fünfte Farbe schwarz (Panther) dazu. Diese Farbdesigns wurden bis Ende der 80er Jahre verwendet. Anfang der Neunziger kamen dann bunte Muster dazu. Die damaligen einfarbigen Modelle, ohne kindische Muster, wurden häufig weit über die Grundschulzeit hinaus genutzt, vielfach bis zur 7. Klasse. Das war damals irgendwie nicht anstößig und lag wohl auch daran, das coole Rucksäcke als Ersatz in der damaligen Zeit fehlten. Der in den frühen 80ern vorhandene Ersatz galt zwar als cool, war aber im Rückblick wirklich nicht prickelnd: Es gab z.B. billige rote Köfferchen mit Coca Cola Schriftzug, bunte PVC Korbtaschen oder Jutesäcke und Taschen. Weil die einfarbigen Ranzen so lange in Gebrauch waren, sind gut erhaltene Modelle heute sehr rar. Nach 6 oder 7 Jahren sahen die meisten dann sehr fertig aus. Heute muß oft nach der dritten Klasse oder spätestens nach Beendigung der Grundschule was anderes her. Die Schulhöfe wurden jedenfalls schnell bunter und immer mehr Scoutranzen waren im Straßenbild zu sehen:


Scoutranzen galten schon immer als äußerst robust. Und das mußten sie im Schulalltag auch sein. Mit den Ranzen wird da mitunter recht ruppig umgegangen. Sie mußten ein Umherwerfen ebenso aushalten, wie Raufereien und Stürze. Manchmal wurden sie im Winter als Schlittenersatz verwendet. Auf die glatte Rückenpolsterung gelegt, ließ es sich prächtig damit rodeln. Bewährt haben sie sich auch zum Mauerbau, um dahinter verschanzt eine prima Schneeballschlacht auszutragen.
Sie wurden auch gern als Sitzfläche gebraucht, bei den alten Modellen konnte man noch aufrecht darauf sitzen. Bei den heutigen Modellen Easy, Mega und Maxi geht das nicht mehr.
Oft und gern wurden Ranzen auch für heftige Rempeleien eingesetzt, den Scout auf den Bauch geschnallt, etwas Anlauf und dank der zusätzlichen Schwungmasse lag das Opfer bald auf dem Rücken.


Produktpaletten wechselten in den siebziger und achtziger Jahren noch nicht so rasch, wie heutzutage. Kaufmännisch betrachtet, im nachhinein wohl ein Fehler. Weil eineinhalb Jahrzehnte die 5 gleichen Farben verwendet wurden, bekamen viele Schüler die ausgedienten Ranzen der älteren Geschwister oder von Verwandten zum Auftragen.
Da es Designmäßig keine begehrenswerteren Modelle gab, vermisste keiner was und es war oft nur an den Gebrauchsspuren zu erkennen, das jemand einen Gebrauchtranzen trug. Das war in den 70er und frühen 80er Jahren auch nicht weiter verwerflich. Ganz anders, als heute, nahm niemand Anstoß daran, wenn Kleidung oder Ranzen Gebraucht weiterverwendet wurden. Gegen Mitte/Ende der 80er Jahre wurde die Farbpalette schon beträchtlich erweitert und es kamen jedes Jahr neue Farben dazu. Auch die Ausstattung mit Sicherheitsreflektoren und verbesserten Gurtverstellungen änderte sich, die neuen Modelle waren deutlich von den alten zu unterscheiden. Während die alten 5 Farben so gewählt waren, dass Junge und Mädchen sie gleichermaßen tragen konnten, gab es nun geschlechterspezifische Farbtöne, darunter einige sehr knallige Neonfarben, aber auch hübsche Pastelltöne.


Die alten Scoutranzen waren erstaunlich wasserdicht. Auch bei heftigstem Mistwetter gelangte keine oder nur sehr wenig Feuchtigkeit hinein. Die Ausstattung mit zusätzlich ausklappbaren Regenklappen im Deckel war relativ überflüssig, weil auch ohne sie kaum Feuchte eindrang. Soweit die Imprägnierung noch in Ordnung war und man aufpasste, dass oben kein Wasser hineinlief konnte man damit problemlos einen Bach durchwaten oder durchschwimmen. Wenn man nicht zu lange im Wasser blieb, wurde nicht einmal die Schaumstoff-Rückenpolsterung nass.


Mit der Zeit kam eine Menge Zubehör in den aktuellen Farben und Designs dazu:

Quelle: Auszug aus einem Werbeprospekt


Mit anhaltendem Verkaufserfolg der Scoutranzen fingen auch andere Hersteller an, Ranzen aus Kunststoff zu produzieren, wobei die Fertigungsart des mit Nylongewebe bespannten Innenkerns übernommen wurde. Die verbreitetsten anderen Hersteller sind Amigo und Mc Neill. Auf dem folgendem Bild sind von links nach rechts Schulranzen von Scout, Mc Neill und Amigo zu sehen:


Alte Katalogabbildungen von Scoutranzen aus den frühen 80er bis frühen 90er Jahren. Die Preise sind natürlich in DM. 100 DM, heute ca.50 Euro waren Anfang der 80er Jahre schon eine Menge Geld, weswegen der Scout auf den Schulhöfen zumindest in den 70er und 80er Jahren auch als Statussymbol galt.

Quelle: Auszug aus einem Werbeprospekt


Hier noch drei Bilder von Mc Neill und Amigoranzen aus den achtziger Jahren:


Hier einige Abbildungen des Amigo-Ranzens:

Quelle: Auszug aus einem Werbeprospekt



Ein Größen und Ausstattungsvergleich zwischen Scout und Amigo:


Die alten Ranzen sind nicht nur ein Stück Kindheitserrinnerung, sondern repräsentieren auch ein Stück Zeitgeist und Alltagskultur.
Die allermeisten Grundschulranzen werden wohl spätestens nach Beendigung der 4. Klasse gegen coolere Rucksäcke ausgetauscht und entsorgt. Bestenfalls landen sie in Kellern oder auf Dachböden, wo sie eine Entsorgung einige Jahre später erwartet. In heutiger Zeit werden von Schulen und gemeinnützigen Verbänden auch Ranzensammlungen durchgeführt. Die gespendeten Ranzen gehen dann etwa nach Osteuropa oder wie auf dem folgendem Bild, nach Afrika, wo sie vermutlich bis zum auseinanderfallen genutzt werden:


Einige bewahren sicherlich auch ihre alten errinnerungswürdigen Schulsachen darin auf und schwelgen von Zeit zu Zeit in Errinnerungen. Wie auch immer, es ist jedenfalls auffällig, das ältere Schulranzen, ja sogar Modelle der neunziger Jahre, kaum noch zu finden sind.
Selbst Flohmärkte und Internet-Auktionshäuser haben fast ausschließlich aktuelle Modelle im Angebot. Eine Internet-Suche nach Bildermaterial von alten Schulranzen ist derzeit, von dieser Seite natürlich abgesehen, fast ergebnislos. Deshalb stelle ich gerade hier einmal einige der alten, fast vergessenen Scoutranzen vor.
Obwohl in den 70er und 80er Jahren bald jedes zweite Kind mit Scoutranzen rumlief sind gerade die älteren Modelle heute Raritäten und kaum noch zu beschaffen. Gerade die ersten Modelle mit dem nicht bewährtem Pappkern sind faktisch nicht mehr zu kriegen. Das ein Scout (Scout Ranger) mit Kunststoffkern von 1977:


Scoutranzen gab es lange Zeit in zwei Größen (Scout I und Scout II). Für kurze Zeit gab es auch ein drittes Modell, als kleinste Ausführung, die sich jedoch nicht durchgesetzt hat.
Das größere Scout-Modell mit 14, statt 11 cm Tiefe konnte mit zwei verstellbaren Kunststoffstegen unterteilt werden.


Anfang der 80er Jahre kam der beliebte Wiegegriff dazu, eine im Griff eingebaute Federwaage, die entriegelt werden konnte, um das aktuelle Ranzengewicht zu ermitteln.
In der Regel war das ohnehin fast immer am Maximum und manchmal mistete man dann auch wirklich aus.


Zur besseren Sichtbarkeit erhielten die scoutranzen auch bald Reflexstreifen, zuerst ganz schmale, dann immer breiter werdend, bis Mitte der 80er Jahre eine DIN Norm für Schulranzen die prozentuale Reflexfläche zur Ranzenfläche vorgab.


Hier eine Auswahl von Verschlüssen seit 1975:


Einige Gurtaufhängungen :


Der Hersteller der Scoutranzen, die Firma Sternjakob versucht mit einer breiten Angebotspalette die gesamte Schulzeit abzudecken: Für den Vorschulbereich gibt es das Modell Scouty, für die Grundschulzeit den Scout, für den Zeitraum dannach hat Sternjakob die Marke 4YOU eingeführt.
Vor einiger Zeit legte Sternjakob eine Erwachsenen-Tasche auf, die sich deutlich an die Träger der Scout-Modelle der 70er und 80er Jahre richtet. Es wurden die original-Farbtöne der damaligen Scoutranzen verwendet und auf ein Modell angewandt, das im Stil und Form den alten Ranzen nachempfunden ist, jedoch als Umhängetasche für Erwachsene gedacht ist. Die Umsetzung und das Design sind m.E. sehr gelungen und errinnern tatsächlich an die Modelle aus der Kindheit:

Quelle: Auszug aus einem Werbeprospekt